ZEITVERSCHIEBUNG - WAS SOLL`S

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Verhandlung mit den Hühnern

Wenn Haltung sich zeigt, noch bevor man sie benennen kann.

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Es gibt Erinnerungen, die bleiben nicht, weil sie besonders spektakulär waren, sondern weil sie im Nachhinein erstaunlich viel über einen selbst erzählen.

Wenn ich heute darüber nachdenke, welches meiner frühesten Kindheitsbilder mir noch klar vor Augen sind, wäre es eigentlich naheliegend, von einem Teddybären zu sprechen oder von irgendeinem Spielzeug, das man besonders mochte. Vielleicht ein Dreirad oder ein paar Bauklötze, die man mit großem Ernst übereinandergestapelt hat.

Doch das erste Bild, das mir wirklich geblieben ist, hat weder Fell noch Räder, sondern eine Kühlschranktür – und eine überraschend hohe Dichte an Hühnern.

Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich zu einer Auslieferung mitnahm. Unternehmertum war bei uns kein bewusster Weg, sondern eher ein Zustand. Etwas, das einfach da war. Wie ein Geruch, der sich in Räumen hält, ohne dass man genau sagen kann, wann er entstanden ist. Verantwortung lag bei uns in der Luft wie Kaffeeduft an einem Sonntagmorgen. Man atmete sie ein, lange bevor man verstand, was sie bedeutet.

Und offenbar hatte ich beschlossen, das ebenfalls zu tun, ohne groß darüber nachzudenken.

Der Auftrag führte uns auf einen Bauernhof. Für meinen Vater war das ein routinierter Ablauf - Lieferung, Unterschrift, ein kurzer Handschlag, dann ging es weiter.

Für mich sah das Ganze weniger nach Routine aus und eher nach einer Situation, die eine genauere Betrachtung verdient hatte.

Ich stand also mitten in der Küche. Äußerlich klein, innerlich jedoch erstaunlich aufgerichtet. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Ellenbogen ragten seitlich wie kleine Richtantennen in die Welt. Ich betrachtete die Szenerie mit einer Ernsthaftigkeit, die vermutlich nicht ganz dem entsprach, was man von einem Dreijährigen erwartet hätte, aber in diesem Moment mir absolut angemessen erschien.

Denn diese Küche war nicht einfach nur eine Küche. Sie war… sagen wir: dynamisch belebt.

Hühner liefen herum. Nicht draußen im Hof und auch nicht ordentlich im Stall, sondern mitten im Raum. Eines hatte es sich sogar auf dem Tisch gemütlich gemacht, als hätte es beschlossen, selbst eine Qualitätskontrolle der Einrichtung durchzuführen. Was für mich weniger idyllisch wirkte und mehr wie ein organisatorischer Ausnahmezustand, der dringend einer Rückmeldung bedurfte.

Also sagte ich, in einer Lautstärke, die vermutlich auch außerhalb der Küche gut hörbar war:

„Um Gottes Willen Papa, Mahlzeit – das schaut’s aus!“

Mein Vater hätte sich in diesem Moment vermutlich am liebsten hinter dem Kühlschrank versteckt, den er gerade aufstellte. Während ich überzeugt war, einen wichtigen Beitrag zur Optimierung der Abläufe geleistet zu haben, was aus meiner Sicht eine durchaus angemessene Reaktion auf die Situation darstellte.

Auf der Heimfahrt blieb er zunächst still. Kein hartes Schweigen, eher eines, das zwischen Verarbeitung und innerem Schmunzeln lag. Zuhause sagte er dann zu meiner Mutter:

„Da hast du deinen Sohn wieder. Den nehme ich nicht mehr mit.“

Ich war immer dann „dein Sohn“, wenn ich zu direkt war. Und selbstverständlich „sein großer Stolz“, wenn ich charmant, klug oder besonders herzig auftrat. Eine flexible Zuordnung, die ich erstaunlich früh mit Humor akzeptierte.

Was ich damals nicht wusste: Für mich fühlte sich Verantwortung nie wie etwas an, das man erst lernen muss. Sie war einfach da. Ganz natürlich, selbstverständlich, ohne große Bedeutung. Und dass Direktheit kein Angriff sein musste, sondern schlicht Ausdruck von Beteiligung. Denn ich wollte, dass Dinge funktionieren. Selbst schon mit drei Jahren.

... Kurzer Textauszug Ende ...

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Die Verhandlung mit den Hühnern

Wenn Haltung sich zeigt, noch bevor man sie benennen kann.

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Es gibt Erinnerungen, die bleiben nicht, weil sie besonders spektakulär waren, sondern weil sie im Nachhinein erstaunlich viel über einen selbst erzählen.

Wenn ich heute darüber nachdenke, welches meiner frühesten Kindheitsbilder mir noch klar vor Augen sind, wäre es eigentlich naheliegend, von einem Teddybären zu sprechen oder von irgendeinem Spielzeug, das man besonders mochte. Vielleicht ein Dreirad oder ein paar Bauklötze, die man mit großem Ernst übereinandergestapelt hat.

Doch das erste Bild, das mir wirklich geblieben ist, hat weder Fell noch Räder, sondern eine Kühlschranktür – und eine überraschend hohe Dichte an Hühnern.

Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich zu einer Auslieferung mitnahm. Unternehmertum war bei uns kein bewusster Weg, sondern eher ein Zustand. Etwas, das einfach da war. Wie ein Geruch, der sich in Räumen hält, ohne dass man genau sagen kann, wann er entstanden ist. Verantwortung lag bei uns in der Luft wie Kaffeeduft an einem Sonntagmorgen. Man atmete sie ein, lange bevor man verstand, was sie bedeutet.

Und offenbar hatte ich beschlossen, das ebenfalls zu tun, ohne groß darüber nachzudenken.

Der Auftrag führte uns auf einen Bauernhof. Für meinen Vater war das ein routinierter Ablauf - Lieferung, Unterschrift, ein kurzer Handschlag, dann ging es weiter.

Für mich sah das Ganze weniger nach Routine aus und eher nach einer Situation, die eine genauere Betrachtung verdient hatte.

Ich stand also mitten in der Küche. Äußerlich klein, innerlich jedoch erstaunlich aufgerichtet. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Ellenbogen ragten seitlich wie kleine Richtantennen in die Welt. Ich betrachtete die Szenerie mit einer Ernsthaftigkeit, die vermutlich nicht ganz dem entsprach, was man von einem Dreijährigen erwartet hätte, aber in diesem Moment mir absolut angemessen erschien.

Denn diese Küche war nicht einfach nur eine Küche. Sie war… sagen wir: dynamisch belebt.

Hühner liefen herum. Nicht draußen im Hof und auch nicht ordentlich im Stall, sondern mitten im Raum. Eines hatte es sich sogar auf dem Tisch gemütlich gemacht, als hätte es beschlossen, selbst eine Qualitätskontrolle der Einrichtung durchzuführen. Was für mich weniger idyllisch wirkte und mehr wie ein organisatorischer Ausnahmezustand, der dringend einer Rückmeldung bedurfte.

Also sagte ich, in einer Lautstärke, die vermutlich auch außerhalb der Küche gut hörbar war:

„Um Gottes Willen Papa, Mahlzeit – das schaut’s aus!“

Mein Vater hätte sich in diesem Moment vermutlich am liebsten hinter dem Kühlschrank versteckt, den er gerade aufstellte. Während ich überzeugt war, einen wichtigen Beitrag zur Optimierung der Abläufe geleistet zu haben, was aus meiner Sicht eine durchaus angemessene Reaktion auf die Situation darstellte.

Auf der Heimfahrt blieb er zunächst still. Kein hartes Schweigen, eher eines, das zwischen Verarbeitung und innerem Schmunzeln lag. Zuhause sagte er dann zu meiner Mutter:

„Da hast du deinen Sohn wieder. Den nehme ich nicht mehr mit.“

Ich war immer dann „dein Sohn“, wenn ich zu direkt war. Und selbstverständlich „sein großer Stolz“, wenn ich charmant, klug oder besonders herzig auftrat. Eine flexible Zuordnung, die ich erstaunlich früh mit Humor akzeptierte.

Was ich damals nicht wusste: Für mich fühlte sich Verantwortung nie wie etwas an, das man erst lernen muss. Sie war einfach da. Ganz natürlich, selbstverständlich, ohne große Bedeutung. Und dass Direktheit kein Angriff sein musste, sondern schlicht Ausdruck von Beteiligung. Denn ich wollte, dass Dinge funktionieren. Selbst schon mit drei Jahren.

... Kurzer Textauszug Ende ...

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